01/2000

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Eine Stadt macht "GIS-mobil"

PolyGIS als zentrales Element in Wernigerode

In Wernigerode hat man erkannt, dass die Nutzung raumbezogener Daten in fast allen Bereichen der kommunalen Wirtschaft von herausragender Bedeutung ist. Die Idee, alle relevanten Behörden und die angeschlossenen kommunalen Betriebe wie etwa die Stadtwerke oder den Abwasserverband von einem gemeinsamen Geodatenpool aus zu bedienen, war der Ursprung der Entwicklung.

Luftbild
Die Stadt Wernigerode in Sachsen-Anhalt nutzt seit einiger Zeit PolyGIS. Ziel der kleinen Kommune im Ost-Harz ist es, das GIS zum zentralen Bestandteil des Datenmanagements zu machen. Erste Projektabschnitte sind jetzt realisiert.
So versuchten Ralf Sygusch vom Stadtplanungsamt und sein Mitstreiter Manfred Werner vom Vermessungsamt in einem verwaltungsinternen Arbeitskreis GIS alle Verantwortlichen aus Wernigerode an einen Tisch zu bringen, die direkt mit Geodaten arbeiten. Neben der Planungs- und Vermessungsabteilung war das vor allem das Liegenschaftsamt aber auch die als GmbH aus der Verwaltung ausgegliederten Stadtwerke, die bis auf das Abwasser für alle übrigen Ver- und Entsorgungsleitungen zuständig sind. Doch dieser erste Enthusiasmus wurde schnell von der Realität eingeholt. Zu groß waren die Interessensunterschiede der Beteiligten und auch die Systemvoraussetzungen in den einzelnen Bereichen stellten sich als Hindernis heraus. Ein Problem, vor dem viele Kommunen oft stehen. "Ergebnis war, dass die Aktivitäten des Arbeitskreises schon bald wieder einschliefen, da jeder hinter den Kulissen sein eigenes Süppchen zu kochen versuchte", erinnert sich Manfred Werner an diesen ersten Rückschlag. "Am Ende scheiterte es jedoch am Geld", ergänzt Sygusch. "Insbesondere die Stadtwerke hatten wenig Ambitionen sich an den Nutzungsbedingungen der 1993 noch recht frischen Daten der automatischen Liegenschaftskarte (ALK) vom Landesvermessungsamt zu beteiligen. "Das war denen damals zu ungenau, weil sie die exakten Leitungsverläufe nicht ablesen konnten", so Werner.

Ralf Sygusch
"Wir suchten eine Software, die wir perspektivisch auf die ganze Stadt erweitern können", beschreibt Ralf Sygusch vom Stadtplanungsamt Wernigerode die nicht geringe Anforderung an das neue GIS-System.
Doch die beiden im positiven Sinne GIS-Verrückten ließen nicht locker. "Dann haben wir eben unsere eigenen Vorgesetzten davon überzeugt, dass ein leistungsfähiges GIS her muss, das uns die Basis für den Aufbau einer ämterübergreifenden Geodateninfrastruktur liefert. Wir mussten dabei Gott sei Dank nicht lange argumentieren, da sich unser Dezernent und unser Amtsleiter schnell von den Vorzügen eines modernen GIS überzeugen ließen und uns dann auch prompt die nötige Rückendeckung gaben", freut sich Sygusch. Der Startschuss in das GIS-Zeitalter war damit gefallen. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen.

Auf der Suche nach dem Geoinformationssystem für ihre Behörden schlugen die beiden Wernigeroder einen ebenso ungewöhnlichen Weg ein wie bereits zuvor schon bei der gesamten Vorplanung. Sie hielten sich nicht allzu lange mit Software-Vorführungen auf Messen und Kongressen auf, denn "auf diesen Messe-Demos haben die 70 Datensätze und damit läuft jedes Programm", erläutert der 32-jährige Sygusch seine Skepsis über diese Art der Marktsondierung. "Es gab für uns nur eine Devise. Die Hersteller der in Frage kommenden Produkte mussten das Programm einige Monate für Tests unter Praxisbedingungen zur Verfügung stellen. Dann können Sie wirklich sehen, ob die Software dem Anforderungsprofil entspricht." Dieses Profil war bei Sygusch und Werner recht genau festgelegt. "Wir wollten ein GIS, mit dem auch der gelegentliche Nutzer klar kommt und vor allen Dingen sollte es möglich sein, damit als zentrales Auskunfts-System für alle Behörden zu arbeiten, die mit räumlichen Daten zu tun haben", erläutert Werner. Ein ebenfalls wichtiger Aspekt für die kleine Stadt im Harz: Die Sache musste bezahlbar bleiben, insbesondere bei den Folgekosten. Alleine dies schränkte die potenziell in Frage kommende Anbietergruppe stark ein. "So Systeme, wie sie z.B. Intergraph oder Smallworld anbieten, sind für uns unerschwinglich, außerdem wollten wir mit unseren zunächst nur wenigen Arbeitsplätzen nicht irgend eine unbedeutende Nummer bei einem der großen GIS-Anbieter sein, sondern wir legten besonderen Wert auf gute Servicequalität", berichtet Werner weiter. Aus diesem Grunde kamen nur eine handvoll von Produkten überhaupt in die engere Auswahl. In die Endrunde schafften es dann nur noch vier Systeme: Caddy von Ziegler,
Manfred Werner
"Die einzige Bedingung, die unser OB stellte, war, dass das neue GIS mit den anderen Systemen "reden" kann", erinnert sich Manfred Werner vom Stadtvermessungsamt
Mönchengladbach, Geograf von HHK Datentechnik, Braunschweig, PolyGIS von IAC, Leipzig und eine Lösung für den Planungs- und Baubereich auf ESRI ArcView-Basis von Infraplan, Halberstadt.

Bis das richtige System aus diesem Kreis gefunden war, standen für Sygusch und Werner umfangreiche Softwaretests und Informationsbesuche bei entsprechenden Systemanwendern auf dem Programm. Mit direktem Draht zu den jeweiligen Anbieterunternehmen bastelten sie lange an verschiedenen Produkten herum. Schließlich hängen blieben die beiden bei PolyGIS der Leipziger IAC GmbH. "Da passte schon im Vergleich zu den anderen Systemen recht viel zusammen: Kurze Ladezeiten, einfache Bedienung unter Windows-Oberflächen, Multi-User-Fähigkeit und alle notwendigen Schnittstellen", bilanziert Sygusch. Das einziges Manko sah er zunächst noch im Bereich Bebauungsplanung: Die Signaturen der offiziellen Planzeichenverordnung kannte PolyGIS nicht. "Das hat IAC dann aber in kürzester Zeit nachgeliefert. Und überhaupt, die außerordentlich große Serviceunterstützung von IAC hat uns schwer beeindruckt. Es ist schon verwunderlich, wie es die Leipziger schaffen, in so großer Geschwindigkeit selbst komplexe Probleme zu lösen. Übrigens, war uns diese gute Supportleistung von IAC auch bei den Informationsbesuchen in Meißen und in Peine - beides PolyGIS-Nutzer - bestätigt worden". So fiel die Entscheidung leicht.

In ihrer Wahl bereits einig, mussten Sygusch und Werner nur noch die offizielle Ausschreibung umschiffen, denn ein neuerliches zeitaufwendiges Auswahlverfahren sollte ja tunlichst vermieden werden. Inzwischen ist auch das geglückt und Wernigerode hat PolyGIS im Einsatz, wenn auch vorerst nur auf zwei Arbeitsplätzen im Vermessungs- und Planungsamt. Der weitere Ausbau hakt im Moment, insbesondere bei der Datenerhebung.

Werner und Sygusch hoffen deshalb auf die Initiative "Zukunftsregion Wernigerode". Denn auf politischer Ebene haben sich das Land Sachsen-Anhalt und die zwei Computergiganten Microsoft und Cisco-Systems auf ein sogenanntes Public-Private Partnership geeinigt. Rund zehn Millionen Mark wollen die Beteiligten in die so genannte Initiative "InfoRegio Sachsen-Anhalt stecken." Eine Million Mark soll dabei dem Projekt Zukunftsregion Wernigerode zufließen. Um dabei mit ihren GIS-Vorhaben wahrgenommen zu werden, mussten Sygusch und auch IAC Geschäftsführer Rolf Lüdicke einige Überzeugungsarbeit leisten. Inzwischen ist die digitale Stadtkarte und ein Geodatenpool eines von acht Projekten der Zukunftsregion. Doch im Moment heisst es wieder warten, bis die zugesagten Gelder auch tatsächlich fließen. Um in dieser Richtung sanften Druck auszuüben, hat Pragmatiker Sygusch aus bereits vorhandenen Mitteln schon mal die Befliegung von Wernigerode in Auftrag gegeben. "Das ist wieder ein kleiner Schritt auf dem Weg zur digitalen Stadtkarte, und damit zur Datenvernetzung der verschiedenen Nutzer."