01/2002

Online-Kundenzeitschrift der
Ingenieurgesellschaft für angewandte
Computertechnik mbH, Leipzig
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"System fast alleine aufgebaut"

PolyGIS in der Barlachstadt Güstrow

"Und das machen Sie alles alleine?" sei eine der meistgestellten Fragen an ihn, sagt Frank Wegener. Seit gut vier Jahren ist der Diplom-Ingenieur für die Geodatenverwaltung in der mecklenburgischen Stadt Güstrow verantwortlich. Weitestgehend selbstständig schuf er auf Basis der Software PolyGIS von IAC ein funktionierendes Geoinformationssystem (GIS), mit dem inzwischen eine Vielzahl von Arbeiten in Güstrow erledigt werden.

Denkmal Freiwillige Jäger
Blick über den Franz-Parr-Platz auf das Schloss von Güstrow: der Obelisk im Vordergrund erinnert an die Gefallenen in den Befreiungskriegen 1813 und 1814 gegen Napoleon
Rund 120 Mitarbeiter sind in der Stadtverwaltung beschäftigt, über 20 davon benutzen das neue GIS regelmäßig, und zwar in den verschiedensten Abteilungen: Bei der Stadtentwicklung ebenso wie bei der Liegenschaftsverwaltung, bei der Tiefbauplanung wie im Ordnungsamt. Mit 14 Volllizenzen von PolyGIS ist die Verwaltung in Güstrow bestückt, dazu kommen fünf Lizenzen für PolyGIS-Light, eine abgespeckte Version des Programms.

"Den Kollegen fällt es leicht, mit der Software zu arbeiten", sagt Wegener. Unter seiner Regie und in einigen von der IAC geleiteten Schulungen erwarben sich die Mitarbeiter die nötige Fachkenntnis zur Nutzung des computergestützten Instruments. Vor rund sieben Jahren war es, als in Güstrow die Idee zum Aufbau einer digitalen Stadtgrundkarte entstand. "Der Bürgermeister und der Hauptamtsleiter waren die treibenden Kräfte", erzählt Wegener. "Sie waren überzeugt davon, dass Güstrow ein GIS gut gebrauchen kann." Bald wurde eine ämterübergreifende Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um den generellen Bedarf für ein digitales System zu ermitteln und auch, welches GIS denn das beste wäre für die Stadt am Flüsschen Nebel. "Nach einem sorgfältigen Benchmarking fiel die Wahl auf PolyGIS", erinnert sich Wegener, der die Geschichte jedoch nur aus der Erzählung anderer kennt. Denn mit der Entscheidung für den Aufbau von PolyGIS wurde seine Stelle erst geschaffen. Nach einer Ausschreibung wurde er erster Geodatenadministrator von Güstrow - so sein offizieller Titel. Dabei konnte der Elektronikingenieur seine umfassenden Erfahrungen im Umgang mit CAD-Programmen für eine Rostocker Immobilienfirma in die Waagschale werfen.

Inzwischen läuft in Sachen GIS nichts mehr in Güstrow ohne den tatkräftigen Endvierziger. "Den jetzigen Stand habe ich fast alleine aufgebaut", erzählt er. Erst seit rund anderthalb Jahren geht ihm eine Kollegin zur Hand. "Und dafür haben wir alles ganz schön schnell hingekriegt", sagt er nicht ohne Stolz. Zurzeit ist ein Hauptproblem noch die "massenhafte Erfassung von Sachdaten", wie Wegener sich ausdrückt. Damit meint er die Übernahme von in Papierform vorliegenden Informationen, zum Beispiel des Baumkatasters, ebenso wie die Anbindung von Excel-Tabellen. "Das ist richtige Handarbeit", sagt er.

Foto: J. Siehoff
Bringt mit PolyGIS das analoge Kartenwerk seiner Stadt in digitales Format: Frank Wegener, Geodatenadministrator in Güstrow
 
Trotz der noch zu bewältigenden Aufgaben ist eine wichtige Zielsetzung bereits erfüllt: Das Erstellen einer kompletten digitalen Stadtgrundkarte für die Liegenschaftsverwaltung. Hierzu war Improvisationstalent gefragt, schließlich gibt es für Mecklenburg-Vorpommern noch keine Automatisierte Liegenschaftskarte (ALK), auf die Wegener hätte zurückgreifen können. Entsprechende Daten der Landesvermessung sollen erst in einigen Jahren flächendeckend vorliegen. So suchte der Ingenieur einen anderen Weg, um an die Kartengrundlage zu kommen und behalf sich mit Daten aus unterschiedlichen Quellen: Zum einen hatten die Stadtwerke Güstrow schon Informationen zu weiten Teilen der Stadt in einem CAD-System vorliegen. Zum anderen gab es zu einzelnen Flächen bereits Vermessungsdaten.

Um deren Übernahme in PolyGIS zu erleichtern, entwickelte die IAC in Absprache mit Wegener ein spezielles Datenaustauschmodul, das inzwischen auch vermarktet wird. "Damit sparen wir uns die mühselige Arbeit, Daten der Vermessungstrupps einzupflegen", erklärt Wegener. Per E-Mail oder CD-ROM schickt er dem jeweiligen Vermesser den Kartenausschnitt, der vermessen werden soll. Nach verrichteter Arbeit trägt der Geodät eventuelle Änderungen in den Ausschnitt ein und schickt ihn an Wegener zurück. Das Modul vergleicht dann den neuen und alten Zustand des Ausschnitts und trägt Veränderungen selbstständig in der städtischen Datenbank ein. Gleichzeitig wird der alte Stand archiviert. "Das funktioniert wunderbar und spart eine Menge Arbeit", freut sich Wegener. Noch aus einer weiteren Quelle bediente sich der Ingenieur, um für ganz Güstrow eine digitale Grundkarte vorlegen zu können. "Wir ließen Flurkarten digitalisieren, um die fehlenden Flächen zu ergänzen. Da es sich dabei überwiegend um unbebautes Gelände rund um die Stadt handelte, reichte das für unsere Zwecke völlig aus", sagt er. Selbst wenn die Daten der ALK irgendwann vorliegen sollten, werde er diese nicht vorbehaltlos übernehmen. "Unsere jetzt vorliegenden Informationen sind nach gegenwärtigem Stand genauer", ist seine Meinung.

So können in Güstrow mit PolyGIS schon eine Reihe von Arbeiten erledigt werden, die andernorts noch mühselig analog bewältigt werden müssen. In erster Linie geht es darum, die Mieten und Pachten städtischer Objekte im GIS eintragen und recherchieren zu können sowie Immobilienan- und -verkäufe computergestützt zu dokumentieren. Desweiteren werden Bebauungs- und Flächennutzungspläne mit PolyGIS bearbeitet. "Vierzehn Bebauungspläne haben wir inzwischen digital vorliegen", sagt Wegener. Weitere sechs sollen im Laufe der nächsten Wochen in das System eingespeist werden. "Dabei können wir uns bei der Darstellung in Farben und Signaturen genau nach der Planzeichenverordnung richten", erklärt der Administrator.

Die Bearbeitung von Liegenschaftsdaten soll aber erst der Anfang sein. Im Raum steht die Vision vom gläsernen Rathaus. Künftig soll sich der Bürger per Internet über Verwaltungsvorgänge informieren und Amtsgänge tätigen können. Auch dabei soll PolyGIS eine wichtige Rolle spielen. "Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg", sagt Wegener. "Trotzdem arbeiten wir schon so bürgerorientiert wie möglich." Gerade ist eine Arbeitsgruppe damit beschäftigt, ein umfangreiches Stadtinformationssystem auf die Beine zu stellen. Ziel ist unter anderem, dass der Bürger sich jederzeit über den Fortschritt bei der Altstadtsanierung erkundigen kann. Weiterer wichtiger Grund für den Aufbau eines Stadtinformationssystems ist in Güstrow die touristische Anwendungsmöglichkeit. Nach der deutschen Einheit musste die Stadt einen massiven Abbau von Industriearbeitsplätzen hinnehmen. Der Fremdenverkehr ist inzwischen zum wichtigsten Wirtschaftszweig gewachsen.

Das kommt nicht von ungefähr, denn Güstrow hat einiges zu bieten. So ist der Name der Stadt untrennbar verbunden mit dem Namen Ernst Barlachs, der sich 1910 in Güstrow niederließ und dort in den Folgejahren einige seiner bedeutendsten Kunstwerke schuf. Drei Museen in Güstrow bezeugen heute die Schaffenskraft des Bildhauers. Von der Inspiration Barlachs muss auch etwas auf Frank Wegener übersprungen sein. Denn dieser beweist beim Umgang mit "seinem" GIS immer neue Kreativität: Für die Innenstadt von Güstrow hat er ein "Kneipeninformationssystem" entwickelt. Seine Stammkneipe und weitere Gaststätten sind mit genauer Lage im Stadtgrundriss verzeichnet. "Damit sich Besuch von außerhalb direkt zurechtfindet", sagt Wegener augenzwinkernd.