01/2008
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Landesweites Stadtmonitoring in Sachsen-Anhalt
Effizienzsteigerung im Stadtumbau

In Ostdeutschland stehen derzeit rund eine Million Wohnungen leer. Mit bedarfsorientierten Sanierungskonzepten kann dem Leerstand entgegengewirkt werden.

Im Rahmen eines Stadtmonitoring-Projektes des Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr sammeln nun seit 2005 44 Kommunen in Sachsen- Anhalt differenzierte Daten zu ihrer Bevölkerung und deren räumlicher Verteilung. Die gewonnenen Erkenntnisse werden komplett in der POLYGIS-Fachanwendung KOMSTAT verarbeitet und liefert dann konkrete Entscheidungsgrundlagen, die bisweilen der rein mathematischen Logik widersprechen können. So stand Stadtplaner Jens- Peter Finke in Aschersleben vor der Wahl: Eins von drei Jugendzentren muss geschlossen werden. Eins davon befindet sich in einer kleinen Eigenheim- Kolonie am Rande der Stadt, wo gerade noch 800 Menschen leben, die beiden anderen liegen in dicht besiedelten Innenstadtbezirken. Trotzdem entscheidet sich Finke für den Erhalt des Jugendklubs am Stadtrand, da dort ein hoher Anteil an Jugendlichen lebt, der auf die Freizeiteinrichtung angewiesen ist.

Die Zahlen dazu zieht Finke aus der POLYGISFachanwendung KOMSTAT der Leipziger IAC mbH. Mit dieser Software erfasst und analysiert der Stadtplaner alle kommunalen Daten. Durch die intelligente Verknüpfung von raum- und sachbezogenen Daten können so Fragen, etwa zur Bevölkerungsentwicklung, zum Wohnbedarf oder zur Gewerbesituation übergreifend beantwortet werden.

Stadtentwicklung: Rückbau und Sanierung
Die Stadt Aschersleben ist eine von insgesamt 44 Städten und Kommunen, die im Rahmen des Bund-Länder-Programms „Stadtumbau Ost“ Stadtmonitoring in Sachsen-Anhalt betreibt. Ziel des Monitorings ist, den demographischen Umbruch genauer zu beobachten und zu analysieren, um auf konkreter Datenbasis die richtigen Entscheidungen zur Stadtentwicklung treffen zu können.

Die Experten sind sich einig: Die Einwohnerzahl in Deutschland sinkt stetig. Daher ist Stadtentwicklung heute meist gleichbedeutend mit Rückbau und Sanierung. Insbesondere die neuen Bundesländer sind von diesem Trend negativ betroffen, da sich hier die Prozesse des Wirtschaftswandels massiv mit dem demographischen Wandel überlagern. So existiert zum Beispiel in Sachsen-Anhalt kaum noch eine Region, in der die Bevölkerungszahl stabil ist.

Allein Aschersleben, die älteste Stadt in Sachsen- Anhalt, verlor nach der Wende rund 10.000 industrielle Arbeitsplätze und 7.000 Einwohner; 2002 standen rund 3.000 Wohnungen leer.


Der Stadtumbau Ost hat zum Ziel, die Attraktivität ostdeutscher Städte und Gemeinden als Orte des Lebens und Arbeitens zu sichern und zu erhöhen.
Rückbau sachgerecht planen
Verantwortlich für das „Landesweite Projekt des Stadtmonitorings in Sachsen-Anhalt“ ist das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr (MLV), das damit 2005 startete. Das Projekt steht in engem Zusammenhang mit dem Bund-Länder-Förderprogramm Stadtumbau Ost, das mit insgesamt 2,56 Mrd. Euro ostdeutsche Kommunen beim städtebaulichen Wandel unterstützt. Mittels Stadtmonitoring können die Kommunen ihren Bedarf an Finanzmitteln konkret nachweisen und deren Verwendung sowie den zu erwartenden Nutzen vorab aufzeigen. Dies ist eine Grundvoraussetzung für die Genehmigung weiterer Finanzmittel.

Benchmark der Projektlandschaften
„Wir haben uns in Sachsen-Anhalt für einen pragmatischen Weg beim Aufbau des Stadtmonitorings entschieden und der Erfolg gibt uns eindeutig Recht“, resümiert Frank Bartel, Referent für das Stadtumbauprogramm im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr (MLV), nach nunmehr zweijähriger Projektarbeit.

bereits in unseren Nachbarländern so alles gibt und wie das Stadtmonitoring angegangen wird“, erinnert sich der Projektleiter. „Hierbei gelangten wir zu der grundlegenden Erkenntnis, dass ein solcher Prozess nur mit den Kommunen gemeinsam zu gestalten ist, und nicht von oben herab oder durch eine wie auch immer geartete losgelöste Begleitforschung zu steuern sei“, ergänzt Bartel.

Man identifizierte im Jahr 2002 in Sachsen-Anhalt insgesamt 44 Städte nach klaren Raumordnungskriterien. So wurden alle Städte bis hin zu den Grundzentren zur Projektmitarbeit eingeladen. Als Grundvoraussetzung musste jede Stadt jedoch ein integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) vorlegen.

Nach über zwei Jahren ist Frank Bartel mit den Zwischenergebnissen der Städte zufrieden. Aus seiner Sicht war es wichtig, dass das Land viele Entscheidungen an die Städte abgegeben hat. Eine Arbeitsgruppe bestehend aus insgesamt 10 Mitgliedern fungiert dabei als Steuerungsgruppe, die die Projektplanung und -bewertung in den 44 Kommunen vorantreibt und die Rahmenbedingungen festlegt. Neben der Auswahl der zum Aufbau des Stadtmonitorings einzusetzenden Software oblag ihr auch die Auswahl und Verpflichtung der Projektbegleitforschung, die vom IfS Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik in Berlin wahrgenommen wird.

Erfolgsfaktoren der Projektarbeit
„Wichtig für den Erfolg des Projektes ist die praxisorientierte Herangehensweise in Sachsen-Anhalt“, sagt auch Wolfram Staats, Leiter der Abteilung Stadtplanung in Halberstadt. Die Stadt am Rande des Harzes wurde vom Ministerium als Leitkommune des Projektes vorgeschlagen, da sie bereits sehr frühzeitig über ein fortgeschrittenes Stadtentwicklungskonzept verfügte. Der Diplom-Ingenieur für Städtebau ist der Auffassung, dass „das Verhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Erfolg stimmen sollte“. So hätte man die Anzahl der zu erhebenden Indikatoren mit nur etwas mehr als 130 überschaubar gehalten. Natürlich waren die Kommunen auch am Aufbau des Indikatorenkatalogs beteiligt. „Wir haben uns beim Aufbau des Indikatorenkatalogs nicht von theoretisch-wissenschaftlichen Motiven leiten lassen, sondern sind nur auf das eingegangen, was den Kommunen wirklich in der Praxis hilft“, beschreibt Staats den Auswahlprozess.

Auch bei der Wahl der Software hat man in Sachsen- Anhalt sichere Wege beschritten. „POLYGIS KOMSTAT war das einzige fertige Produkt am Markt, das auf Anhieb alle Leistungsanforderungen erfüllen konnte“, erinnert sich Staats.

Stadtmonitoring setzt Einsatz voraus
„Das Sammeln der Daten ist zu Beginn des Monitoringprozesses zwar ein erheblicher Arbeitsaufwand“, sagt Jens-Peter Finke aus eigener Erfahrung. Doch der Amtsleiter aus Aschersleben weiß auch, dass es ohne diese Fleißaufgabe einfach nicht funktioniert. „Die Datenerfassung und -pflege gehören zu meinen täglichen Aufgaben. Nur weil wir dies so konsequent betreiben, bin ich jederzeit in der Lage, die gesamten Stadtstrukturen abrufen zu können und in Karten darzustellen. Die Visualisierung ist extrem wichtig für die Überzeugungsarbeit, die die Städte zum Beispiel bei Bund und Land, bei den Bürgern oder bei potenziellen Investoren zu leisten haben“, berichtet Finke aus seiner Praxis. „KOMSTAT in Verbindung mit POLYGIS ist dafür die optimale Software“, lobt Finke.

Frank Bartel würde alles wieder genauso machen. „Die Kommunen verstehen inzwischen, dass sich die Arbeit, die sie ins Stadtmonitoring investieren, lohnt“, erklärt er. „Im Zuge der Föderalismusreform werden Bundes- und Länderprogramme zunehmend stärker evaluiert. Die Städte werden stärker als zuvor ihren Bedarf an Fördermitteln, aber auch die Effekte der verwendeten Mittel nachweisen müssen“, meint Bartel. „Und deshalb ist schon jetzt klar: Erfolgreich ist das, was den Kommunen wirklich nutzt“, rundet Wolfram Staats den derzeitigen Projektstand ab.

Zu einem intensiven Erfahrungsaustausch über das landesweite Stadtmonitoring in Sachsen-Anhalt trafen sich am 20. November 2007 Frank Bartel (MLV), Wolfram Staats (Leitkommune Halberstadt), Jens-Peter Finke (Stadt Aschersleben), Hartmut Vieth (IBA 2010) und Rolf Lüdicke (KOMSTAT, IAC mbH). Das Gespräch fand im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr in Magdeburg statt.