02/2001

Online-Kundenzeitschrift der
Ingenieurgesellschaft für angewandte
Computertechnik mbH, Leipzig
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PolyGIS in Rüsselsheim

Seit Anfang der 90er Jahre gibt es in Rüsselsheim ein Geoinformationssystem. Seit 1997 ist es PolyGIS von IAC. Die langjährige Erfahrung macht sich bemerkbar: Kaum eine kommunale Aufgabe mit Raumbezug wird heute ohne GIS gelöst. In acht verschiedenen Ämtern finden sich GIS-Arbeitsplätze.

Skyline
Auch im beschaulichen Rüsselsheim am Main gibt es Kampfhunde. Aber wahrscheinlich nur dort kann das Steueramt mit einem Blick auf die digitale Stadtkarte im Rechner die Hundehalter orten und so sofort erkennen, ob es in bestimmten Stadtteilen eine Häufung von Pitbull-Terriern und Mastinos gibt und wer deren Hundehalter sind. Auch alle übrigen Hundehalter sind in dem Geoinformationssystem PolyGIS der Opelstadt erfasst. Dazu wurde ein kleines Hundesymbol erstellt, das nun auf den Plänen auftaucht. Speziell für Rüsselsheim wird derzeit bei IAC ein Hundekataster programmiert. "Das war ein Wunsch des Steueramts, den wir gemeinsam mit IAC erfüllen konnten", berichtet Peter Wenzel. Mit "wir" meint der 51-jährige Vermessungsingenieur die EDV-Abteilung der Stadtverwaltung, wo er als Administrator für das GIS der Stadt verantwortlich ist. Schon seit 1974 ist Wenzel bei der Stadt beschäftigt und kennt daher die gesamte Geschichte der GIS- Einführung aus eigener Anschauung. Den Anfang machte 1991 ein Beschluss des Stadtrats, der direkt zu einer "Vorstudie zur Einführung eines integrierten geographischen Informationssystems bei der Stadtverwaltung Rüsselsheim" führte. Auf rund 200 Seiten entwickelte darin die beauftragte ortsansässige EDS GmbH einen Anforderungskatalog für ein GIS, der von Beginn an einen ämterübergreifenden Einsatz vorsah. Zudem analysierte man nicht nur, wo die Dokumentation räumlicher Zusammenhänge notwendig war, sondern auch wo und wie räumliche Daten innerhalb von Verwaltungsverfahren gebraucht wurden. Pate standen dabei Szenarien aus dem Alltag, etwa die Erstellung eines Buslinienplans in einem Neubaugebiet oder die Bearbeitung eines Antrags für den Hausanschluss von Gas und Wasser.

Logo
Mit dieser Methode sammelte sich schnell ein dicker Katalog von Wünschen an, welche räumlichen Daten alle in einem GIS gesammelt werden sollten. "Das war weitaus mehr, als uns seinerzeit zur Verfügung stand", erinnert sich Wenzel. Schon bald war klar, dass die Übernahme der Daten des Automatischen Liegenschaftskatasters - ursprünglich der Auslöser des Stadtratsbeschluss für ein GIS - kaum ausreichen würde. So begannen Wenzel und seine Kollegen systematisch mit der Datenerhebung. Zur ALK kamen zahlreiche Fachdaten der beteiligten Ämter, aktuelle Luftbilder und daraus abgeleitete Kataster beispielsweise der städtischen Grünflächen oder - in jüngster Zeit - der versiegelten Flächen zur Berechnung der Abwassergebühren nach getrenntem Maßstab zwischen Brauch- und Regenwasser. Mit dem Systemwechsel auf PolyGIS im Jahr 1997 konnte Wenzel eine besondere Methode zur vollen Entfaltung bringen: Nach und nach hatte die Stadtverwaltung auf den digitalen Plänen die Baublöcke, Baublockseiten und Gebäude mit Straße und Hausnummer kartiert und georeferenziert. So schuf sich Rüsselsheim ein System von räumlichen "Zellen" über dem Stadtgebiet, in denen diverse Haushalte und ihre Adressen in einer Koordinate zusammengefasst waren.

Peter Wenzel
"PolyGIS wurde uns von unserem Beratungsunternehmen EDS empfohlen. Bis heute haben wir die Entscheidung für PolyGIS noch nie bereut. Ganz im Gegenteil: Die Anzahl der GIS-Arbeitsplätze wird wohl in den nächsten Jahren noch weiter steigen", ist sich Peter Wenzel sicher.
Die Systematik der Koordinate folgt der statistischen Systematik des Einwohnermeldeamts. Ergebnis: Sämtliche statistischen Angaben des Melderegisters lassen sich auf dem Stadtplan abbilden. "Will ich beispielsweise für die Kindergartenbedarfsplanung wissen, wo in der Stadt besonders viele Kinder unter drei Jahren leben, kann ich dies mit einer einfachen Abfrage beantworten", erklärt Wenzel. Die Abbildung der Statistik bleibt dabei auf die Baublöcke bezogen. "Ich kann bei unserem Beispiel am Ende sagen, wie viele Kleinkinder in einem bestimmten Block wohnen, aber ich kann nicht sagen, wo genau innerhalb des Blocks sie wohnen oder gar ihre Namen herausfiltern", erläutert Wenzel. Das entspricht den Vorgaben des Datenschutzes. Mit den georeferenzierten Daten verfügt Rüsselsheim über ein mächtiges Planungsinstrument. Auch der Zuschnitt der Wahlbezirke bei der jüngsten Kommunalwahl basierte auf den Auswertungen nach Baublöcken und Gebäuden, in diesem Fall nach Wahlberechtigten. "Wir konnten dadurch die Wahllokale sehr gleichmäßig auslasten", berichtet Wenzel. Die Wahlergebnisse konnte er später direkt in PolyGIS einfließen lassen und dort eine Karte erzeugen, die neben jedem Wahllokal einen kleinen Ergebniskuchen zeigt. "Optimal wäre es natürlich, so etwas dynamisch in der Wahlnacht anzeigen zu können", bedauert Wenzel die noch fehlende Schnittstelle zwischen PolyGIS und der Software zur Wahlauswertung. Doch allein dieser Wunsch zeigt, wie fortgeschritten Rüsselsheim in Sachen GIS mittlerweile ist: Ob Wahlen, Marktwesen, Anträge auf Sondernutzungen von Straßen wie etwa Stadtteilfeste, Erschließungsbeiträge bei Straßenerneuerungen oder die Verschneidung von Liegenschaftsinformationen mit den Flächen der ALK zur Erstellung von Szenarien zur Lärmbelastung durch den Ausbau des Flughafens Frankfurt.

All diese Aufgaben werden quer durch die zuständigen Ämter mit insgesamt 16 PolyGIS - Lizenzen gemeistert. Jüngstes Projekt ist ein Auskunftsarbeitsplatz im Bürgerbüro. Dort sind schon heute - außerhalb des Rathauses und inmitten der Fußgängerzone - zahlreiche Funktionen der Stadtverwaltung zusammengefasst. So können Rüsselsheimer Bürger zentral alle ihre Angelegenheiten regeln und ersparen sich bei ihren Anträgen die Schnitzeljagd von Amt zu Amt. Einzige Ausnahme sind bisher Bauanträge. Die erforderliche Abfrage der Bebauungspläne oder anderer wichtiger Kataster in so einem Fall obliegt bisher einem betreuten Auskunftsarbeitsplatz im Bauamt. "Das wollen wir schon bald dem Bürger selbstständig möglich machen", berichtet Wenzel von seinen künftigen Plänen mit PolyGIS.