04/2002

Online-Kundenzeitschrift der
Ingenieurgesellschaft für angewandte
Computertechnik mbH, Leipzig
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"Ohne GIS wäre vieles nicht möglich gewesen"

Langjähriger PolyGIS-Einsatz mit Zukunftsperspektiven im sächsischen Meißen

Träge und breit bahnt die Elbe sich ihren Weg durch die Weinberge bei Meißen. Kaum vorstellbar, dass hier noch vor wenigen Monaten die Jahrhundertflut wütete. Die Kleinstadt, die weltberühmt durch ihre Porzellan-Manufaktur ist, gibt sich auf den ersten Blick idyllisch. Die über 500 Jahre alte Albrechtsburg thront unübersehbar hoch oben auf dem Berg, schmucke Häuser gruppieren sich um den Marktplatz, wo geschäftiges Treiben herrscht. Aber der zweite Blick lässt die Schäden erkennen, die das Hochwasser im August 2002 in Meißen verursacht hat. An vielen Gebäuden ist deutlich in eineinhalb bis drei Meter Höhe eine Linie zu erkennen: Bis hierhin stieg die Flut.

Heinrichsplatz
Heinrichsplatz in der Altstadt von Meißen
Dass die Aufräumarbeiten bereits so weit fortgeschritten sind, ist auch der zügigen Schadenserfassung und -regulierung zu verdanken, bei der die Stadtverwaltung unter anderem auf ihr Geoinformationssystem PolyGIS der Firma IAC mbH zurückgriff. "Seit 1995 nutzen wir PolyGIS mit ständig wachsenden Einsatzgebieten", erklärt Rainer Klose vom Geschäftsbereich Bauen & Planen der Stadtverwaltung Meißen. Der 43-jährige Diplom-Informatiker ist seit 1992 bei der Stadtverwaltung beschäftigt und hat das Thema GIS seit 1995 voran getrieben. Die ersten Anfänge reichen allerdings bis in die Anfänge der neunziger Jahre zurück und begannen mit der Aufnahme der digitalen topographischen Stadtgrundkarte durch die Befliegung des Stadtgebietes und in der photogrammetrischen Auswertung.

"Die entscheidende Initialzündung kam 1995. Über eine Viertel Millionen DM Fördermittel standen im Zuge einer Eingemeindung für die EDV zur Verfügung", beschreibt Klose die GIS-Anfänge in Meißen.
Rainer Klose
Der Diplom-Informatiker Rainer Klose ist seit dem Jahr 1992 bei der Stadtverwaltung Meißen beschäftigt. Er treibt den PolyGIS-Einsatz entschieden voran und schaut voller Tatendrang in die Zukunft.
Gleichzeitig sei die Erhebung von Abwasserbeiträgen notwendig geworden. Die gesetzlich vorgeschriebenen Abgaben wurden dringend benötigt, um das marode Abwasserkanalnetz zu sanieren und auszubauen. Um die Verfahrensabläufe effektiv koordinieren zu können, wurde eine ämterübergreifende und bis heute sehr effektiv arbeitende Projektgruppe gegründet. In diesem Zusammenhang wurde außerdem PolyGIS als notwendiges Werkzeug eingeführt, mit dem nun seit sieben Jahren erfolgreich die Erhebung der Abwasserbeiträge - Hunderte Bescheide pro Jahr über eine Gesamtsumme von mehreren Millionen DM bzw. Euro - erfolgt. "Wir haben bisher noch keinen Gerichtsprozess, in dem es etwa um die Beitragsbemessungsgrößen und damit zu hohe Beiträge ging, verloren. PolyGIS ermöglicht uns eine haarscharfe Offenlegung der Bemessungsgrundlagen", sagt Klose. Das ist kein Standard in deutschen Kommunen, und Meißen hat allen Grund, darauf stolz zu sein. Die Zusammenarbeit mit der Firma IAC ist dabei sehr effektiv. Besonders geschätzt werden in Meißen die kurzen Reaktionszeiten bei der Bewältigung aktueller Anforderungen und der damit häufig verbundenen Modifizierung der Software.

Die anfangs sechs PolyGIS-Arbeitsplätze sind inzwischen auf 21 angewachsen. Das Projekt ist ungefähr zwei Gigabyte groß, verwaltet über 700 Ebenen mit fast zwei Millionen Objekten und enthält unter anderem den Flächennutzungsplan, die Globalberechnung, das Abwasserbeseitigungkonzept, Bebauungspläne, die sogenannte kleinräumige Gliederung (Statistische Bezirke, Baublöcke und Baublockseiten), ein Kanal- und ein Straßenkataster, die topographischen Daten und verschiedene Daten des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes (ISEK), zum Wettbewerbsprogramm Stadtumbau Ost sowie zum EFRE-Stadtteilentwicklungsprogramm "Meißen-Triebischtal". Letzteres bezieht sich auf den am dichtest besiedelten Teil Meißens, der als sozialer Brennpunkt gilt. PolyGIS erlaubt über die erfassten Gebäudezustände und Wohnungsbelegungen beispielsweise Abfragen darüber, ob ein saniertes Haus leer steht. Wenn dies der Fall ist muss überprüft werden, ob die Mieten vielleicht über dem Mietspiegel liegen oder wo sonst die Gründe für den Leerstand des Hauses zu suchen und wie sie zu beheben sind. Das Land Sachsen, das die EU-Fördermittel für das Stadtteilenwicklungsprogramm zur Verfügung stellt, verlangt außerdem ein jährliches Monitoring, um den Projektfortschritt zu überprüfen. "Das würde ohne PolyGIS nicht gehen", erklärt Klose überzeugend.
Gaukler
Lebhaft geht es auch heute noch in der über 500 Jahre alten Albrechtsburg zu: Gaukler zeigen auf Märkten und Festen ihre Kunst.
Die Stadt Meißen müsse dazu beispielsweise Daten über die Bevölkerungsentwicklung und die Haushaltsstruktur in Meißen-Triebischtal im Vergleich zur Gesamtstadt belegen, darüber hinaus Arbeitsmarktdaten, Sozialdaten, Gewerbedaten, Flächennutzungsdaten, den Mietspiegel und Daten zur Infrastruktur und zur Kriminalität. "Die Ist-Zustandsanalyse des ersten Monitorings haben wir im Mai 2002 zum überwiegenden Teil mithilfe von PolyGIS gemacht", so Klose weiter. Der engagierte GIS-Experte will dafür sorgen, dass im Jahr 2003 der gesamte Vorgang via PolyGIS erledigt werden kann. Und nicht nur das: Auch andere Förderprogramme, wie beispielsweise der "Stadtumbau Ost", verlangen ein Monitoring, dass mit PolyGIS und seinen Funktionalitäten ausgezeichnet zu absolvieren wäre. Als Vorreiter aber hat Klose es dabei nicht immer leicht, denn Haushaltskürzungen sind auch in Meißen an der Tagesordnung. "Und da trifft es besonders schnell den GIS-Bereich, der für viele Entscheider nicht transparent genug ist, um zu erkennen, wie viel finanzielle Einsparung der GIS-Einsatz tatsächlich bringt", klagt Klose. Denn allein die Laufendhaltung der Daten sei aufwändig, aber elementar wichtig. Veraltete Daten führen zwangsläufig zu Fehlern im Verwaltungshandeln.

Dass er im August 2002 einmal mehr beweisen konnte, was PolyGIs wert ist, ist auch dem Zufall zu verdanken. Ausgerechnet der Stadtteil Meißen-Triebischtal, dessen Daten im Zuge des EFRE-Stadtteilentwicklungsprogrammes so ausführlich erfasst worden sind, wurde besonders schwer vom Hochwasser getroffen. Unverzüglich konnte mit den bestehenden Daten und einer von IAC kostenlos zur Verfügung gestellten PolyGIS-Erweiterung die Schadenserfassung und Fördermittelvergabe dokumentiert und so ein Beitrag im Rahmen der öffentlichen Wiederaufbauhilfe geleistet werden. Da das Hochwasser genau bis 105 Meter über den Meeresspiegel stieg, konnte man aus den bereits in PolyGIS enthaltenen Höhenliniendaten die 105-m-Linie auf die Gebäudeebene legen und so schnell überprüfen, welche Gebäude direkt von der Überflutung betroffen waren oder durch das gestiegene Grundwasser nachhaltig beschädigt wurden.

Albrechtsburg
Majestätisch thront die Albrechtsburg über der Stadt Meißen am Elbufer.
Und so schaut Klose trotz Jahrhundertflut und Haushaltskürzungen immer noch voller Tatendrang in die Zukunft. PolyGIS solle in der Stadtverwaltung Meißen noch breiter eingesetzt werden. Bedürfnisse und Möglichkeiten sieht er dabei beispielsweise weiterhin in der Stadtentwicklungsplanung. "Die gesamte kommunale Statistik kann mit PolyGIS aufgenommen, verwaltet und visualisiert werden. Das ist ein Ziel, das wir anvisieren. PolyGIS kann dabei als Analyse- und Prognosewerkzeug dienen", plant Klose. Die von IAC angebotenen Intranet-Lösungen seien außerdem besonders attraktiv, denn sie bieten die Möglichkeit, neben den GIS-Arbeitsplätzen auch zahlreiche Auskunftsarbeitsplätze einzurichten. Damit würde PolyGIS breiten Einzug auch in die bisher GIS-freien Ecken des Meißener Rathauses halten. Rainer Klose ist vom hohen Nutzen dieser Entwicklung überzeugt und sieht viel Potenzial für künftige PolyGIS-Anwendungen.